Benjamin - Rezension

Das Buch ist (...) ein Versuch, das innere Kind durch eine Erzählung sprechen zu lassen. Dies gelingt auf sehr bemerkenswerte Weise. Aufbauend auf autobiografische Erfahrungen des Autors lernt der Leser das Verhältnis von Steffen, dem Erzähler, zu Benjamin kennen – das »Woher kommst du? Der Zukünftige, der noch nicht ist. Benjamin der Ungeborene, der aus dem Staublosen, dem Sternenfunkeln, über den Wolken, jenseits der Worte.« (S. 10) Steffen unterhält sich mit ihm, schildert Situationen und Ereignisse, in denen er ihm nahe war und ihm Fragen stellte – Fragen, über deren Antwort man eigentlich nichts wissen kann als Mensch. Dementsprechend sind die Antworten nicht für das Wissen gedacht, sondern für einen Teil der Seele, der tiefer, oder besser gesagt: ferner liegt als der, in dem jenes eine Rolle spielt. (...)
Wüsste man nicht, dass Hartmann auch Texte zu philosophischen Fragen und zur Ideengeschichte der abendländischen Philosophie verfasst hat, in denen er durch scharf gefasste Begriffe den Übergang von letzterer zur Anthroposophie umreißt, dann könnte man verleitet werden, die zarte Sensibilität seines neuen Buches als kitschig abzuwerten. Doch da läge man falsch, denn begibt man sich hinter und zwischen die Zeilen, so tritt einem eine bedingungslose Ehrlichkeit entgegen, die zu Papier zu bringen eine große Leistung ist, denn sie macht angreifbar. (...) Während des Lesens verschwimmen die Grenzen zwischen Erzählung und autobiografischem Lebensbericht. Deshalb ist immer klar, dass der Autor durch Benjamin über sich selbst spricht, dass er seine eigene Seele preisgibt in einem Bereich, der so sensibel ist, dass man eigentlich gar nicht darüber schreiben kann – doch Hartmann versucht es trotzdem. (...)
Immer wieder wird man beim Lesen mit der Frage nach dem »eigenen Benjamin« konfrontiert. Unweigerlich fühlt man sich dem Autor nah, wenn man mit den Ohren des »eigenen Benjamin« dem Geschriebenen nachlauscht. Dann hat das Buch das Potenzial, im Leser eine Kraft zu entfalten, welche die Seele in die Bereiche jenseits der Worte und Begriffe führt, dorthin, wo der Mensch seinen Ausgangspunkt nimmt, bevor er sich auf den Weg zur Erde macht. Und darum gelingt Steffen Hartmanns Versuch, literarisch über das innere Kind zu schreiben, weil er den Leser über die Gefahr hinweg mitnehmen kann, von der Statik der eigenen Härte daran gehindert zu werden, in die Sphäre der Ehrlichkeit einzutauchen oder aber sich im »Staublosen« zu verlieren.


Ingolf Lindel in dieDrei 1-2/2020

 

Die Schrift ‹Benjamin›, für deren Formen und Inhalte Steffen Hartmann verantwortlich zeichnet, macht sich für die These stark, dass es lohnt, vorgeburtliche Impulse energisch zu suchen. Es lohnt, sich mit dem, was Teil von uns und doch in diesem Leben nicht voll bewusst ist und manchmal sogar ganz und gar negiert wird, auseinanderzusetzen. Es lohnt, dem Zukünftigen, dem seit Langem auf ein Sichtbarwerden Wartenden entgegenzustreben und trotz Schwere, auch durch sie hindurch, sich zu erinnern. Formal interessant ist an ‹Benjamin› meines Erachtens insbesondere die fragmentarisch lose Reihung thematisch miteinander korrespondierender Strukturen. Keine stringente Abhandlung zum Thema ‹inneres Kind› wird serviert. Das kommt dem Thema zugute: Das immer wieder Neue und anders Neue findet seine Form, die offen ist, was auch unter rezeptionsästhetischen Gesichtspunkten einem möglichen Sich-einfühlen-Können entgegenkommt. In den mit ‹Epilog› titulierten, Hartmanns Schrift zur Formel verdichtenden reimlosen Versen geht es um individuell zu verzeitlichende geistige Auferste- hung als Anfang und Folie menschheitlichen Gelingens.

 

Jonathan Richards in Das Goetheanum 6/2020

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