Vom Schicksal der Töne - Rezension

Es geht Hartmann um ein neues Hören, das sich für das aufschließt, was in dem Weben zwischen Musizierendem, Instrument, Tonerzeugung, Klangfeld und Hörendem an Qualitäten anwesend ist, die über das physikalisch Erfassbare hinausgehen. Zum Schicksal der Töne im 20. Jahrhundert gehört selbstverständlich deren ausufernde technische, elektronische Reproduktion, die zur Folge hat, dass sich in den letzten einhundert Jahren die Hörgewohnheiten der Menschen verändert haben wie nie zuvor. (...) Hartmann ist als Musiker auf der Suche nach dem Heilenden, nach dem, was zu einer neuen Hör-Intentionalität führen und sogar neuartige spirituelle Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen kann. Ein Ansatz, der sich dazu – aus anthroposophisch verstandenem Musizieren heraus – anbietet, liegt in der Bemühung um den einzelnen Ton. Hartmann geht auf seiner Suche seit vielen Jahren einen meditativen Weg, um dasjenige freizulegen, was an Lebendigkeit, an Seelischem und Wesenhaft-Geistigem dem einzelnen Ton innewohnt.
Er geht diesen Weg sehr systematisch, aus einer forschenden Haltung heraus. (...) Der Leser erfährt, dass Hartmann diese Prozesse einerseits individuell erforscht, dass er aber andererseits auch in seminaristischen Zusammenhängen mit Anderen unterwegs ist, um hier zu gemeinsam erfahrbaren Übweisen zu finden. (...)
Hartmanns Buch enthält die Spurensammlung seines immer wieder ins Esoterische strebenden Forschens. Fast erübrigt es sich anzumerken, dass es dort, wo es um urmusikalische Wahrnehmungen und Erlebnisse geht, an seine Grenzen stößt. Denn da möchte der Leser umgehend zum Hörer und Miterlebenden werden und die Welt des geschriebenen Wortes verlassen. Manche der angeregten Übungen wird man individuell angehen können, bei anderem bleiben viele wohl auf die Anleitung durch einen professionellen Musiker angewiesen – etwa hinsichtlich der ausgreifenden Reflexionen zur Ordnung der Tonarten in Bachs ›Wohltemperiertem Klavier‹, die der Autor an die Tiefen der anthroposophischen Herzlehre heranführt. (...)

 

Klaus Bracker, in die Drei 10/2018

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Edition Widar